Mit Sprache kann man alles machen

Aber wie?

Bei Schreiben und beim Sprechen besteht die Kunst darin, die richtigen Wörter in die richtige Reihenfolge zu bringen. Die flammende Rede, der packende Krimi, die überzeugende Seminararbeit und die journalistische Reportage sind alle aus dem selben Material gemacht: Aus 36 Buchstaben, einer Leertaste und ein paar Satzzeichen. 

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Die Grundregeln für den Umgang mit Wörtern lernen wir sehr früh. Nach unserer Geburt tauchen wir in eine Art Sprachbad ein. Ein Baby hört ungefähr 30’000 Wörter am Tag, Radio und Fernsehen nicht mitgerechnet. So lernt das Hirn von Anfang an, Sprache von anderen Geräuschen zu unterscheiden und aus dem Rauschen der Umweltgeräusche herauszufiltern. 

Im Laufe des Lebens lernen wir nicht nur viele Wörter kennen, wir beherrschen auch auf wundersame Weise die Grammatik. Warum steht das Glas auf DEM Tisch, wenn ich es doch auf DEN Tisch gestellt habe? Auch wenn wir die Regeln nicht kennen, machen wir es automatisch richtig. 

Und noch etwas anderes lernen wir: Dass wir mit Sprache etwas bewirken können. Wir können erklären, planen, überzeugen, verführen oder auch verletzen. Mache Wörter haben überraschende Kräfte, bringen andere in Rage oder machen sie glücklich. Je besser wir mit Sprache umgehen können, um so besser können wir ihre Wirkung kontrollieren und damit das erreichen, was wir beabsichtigen. 

«Entweder man kann es, oder man kann es nicht.» 

Viele glauben, Eloquenz sei eine angeborene Gabe. Dieser Irrtum ist leicht erklärbar. Wenn nämlich jemand packend schreibt oder eine brillante Rede hält, wirkt das natürlich, spontan, selbstverständlich. Dahinter steckt aber meistens viel Arbeit. «The first draft of anything is shit» sagt der Schriftsteller Ernest Hemmingway. Gute Texte entstehen nicht durch einen genialen Einfall, den man in einem rauschähnlichen Zustand aufzeichnet (so wird es leider in vielen schlechten Filmen über Dichter dargestellt). Sie sind das Ergebnis einer sorgfältigen Arbeit an der Sprache. 

Klingt anstrengend? Ein Bisschen. Ganz ohne Anstrengung geht es nicht. Doch zum Glück ist Sprache ein sehr gefügiges Material, und dazu auch noch günstig: Wir können ausprobieren, umgestalten, ersetzen, streichen und modellieren, ohne dass die Kosten explodieren. Und je besser wir mit Sprache umgehen können, um so lustvoller wird die Arbeit am Text. Und umso schneller kommen wir zu einem guten Ergebnis. 

In meinen Workshops zeige ich verschiedene Techniken, mit denen man die Textarbeit verbessern kann. Dabei geht es nicht um starre Regeln oder formelartige Rezepte. Sprache ist beweglich und muss je nach Kontext anders eingesetzt werden. Bei einem mündlichen Vortrag gelten andere Regeln als in einem wissenschaftlichen Aufsatz. Ein Gutachten ist etwas anders als eine Kolumne oder eine Literaturkritik. Und wer sich an ein Fachpublikum richtet, spricht anders, als wer mit der Öffentlichkeit kommuniziert. 

Wie jede Kunst, so ist der Umgang mit Sprache auch ein Handwerk: Wenn eine Musikerin ihr Instrument beherrscht, kann sie damit verschiedene Stücke spielen. Und je mehr sie übt und ausprobiert, um so vielseitiger wird ihr Repertoire und umso virtuoser ihr Spiel.