08. Oktober 2015

WOZJournalismus

Mit ihrem neuen Roman über Flüchtlinge gelingt Jenny Erpenbeck, was tagespolitische Analysen zum Thema nicht vermögen: unseren Blick grundsätzlich zu verändern. Kein Wunder, wird sie als Favoritin für den Deutschen Buchpreis gehandelt.

«We become visible»: Sichtbar werden war das Hauptanliegen der Flüchtlinge, die von 2012 bis 2014 den Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg besetzten, um gegen die unmenschlichen Asylgesetze zu demonstrieren. In «Gehen, ging, gegangen» literarisiert Jenny Erpenbeck die Ereignisse rund um diese Besetzung und die darauf folgenden Verhandlungen mit dem Senat – die letztlich dazu führten, dass die Fremden wieder ins Unsichtbare verdrängt wurden. Zuerst wurden sie am Stadtrand untergebracht, später bekamen fast alle einen negativen Asylbescheid.

Erpenbeck stellt sich ganz in den Dienst der Flüchtlinge, ihr Roman will jene Sichtbarkeit realisieren, die am Oranienplatz nicht oder nur teilweise gelingen konnte. Nun erscheint der Roman genau zu einem Zeitpunkt, an dem die Asylsuchenden auch bei uns ins Bild drängen und von Unsichtbarkeit keine Rede mehr sein kann. Dennoch ist Erpenbecks Projekt nicht überflüssig geworden. Denn der Roman führt vor, wie literarische Fiktion die schrille Aufmerksamkeit tagespolitischer Berichterstattung ergänzen kann. Weil gute Literatur nicht nur die Oberfläche der Ereignisse analysiert, sondern unseren Blickwinkel von Grund auf verschiebt.

Das geschieht zuerst einmal so, wie wir es erwarten. Die Männer aus Afrika bekommen Namen und Geschichten, wir erfahren, woher sie kommen und warum sie fliehen mussten: Raschid ist Schlosser, in Nigeria hatte er eine eigene Werkstatt. Am Tag eines Massakers im Jahr 2000 trug er ein kostbares blaues Gewand, denn es war ein Feiertag. Awad lebte mit seinem Vater in einem grossen Haus mit acht Zimmern im libyschen Tripoli. Dann wurde sein Vater erschossen, das Haus zerstört. Awad hat sich gerettet und irrt nun verstört herum, auf der Suche nach einem sicheren Zuhause. Karon war elf Jahre alt, als er sein erstes Messer bekam, um auf den Feldern von Ghana zu arbeiten. Seither kämpft er ums Überleben und reist als Schuhhändler, Obdachloser und Wirtschaftsflüchtling durch die Welt, um irgendwo einen Platz zum Schlafen zu finden.

Es sind Geschichten, die man kennt und doch nicht kennt, Geschichten, die erschrecken, befremden, im schlimmsten Fall lähmen. Im besten Fall aber aktivieren sie unsere Sympathie und machen uns zu anteilnehmenden Mitmenschen. Und genau darauf zielt der Roman ab.
 

Mitgefühl per Literatur

Nicht erst die Neurowissenschaft erkennt in der Fähigkeit des Mitfühlens ein Grundprinzip menschlicher Soziabilität. Schon Adam Smith hat in seiner «Theorie der ethischen Gefühle» (1759/1790) die «Sympathie» als zentralen Kitt des Zusammenlebens und als Grundlage für die Entwicklung gemeinsamer moralischer Normen ausgemacht. Lesenswert ist Smith vor allem deshalb, weil er auch die Schwierigkeiten hervorhebt, die mit der Sympathie als Instrument der Anteilnahme, Beurteilung und Integration verbunden sind. Zwar erleben wir, so Smith, reflexartige Körperreaktionen, wenn wir sehen, wie anderen Schmerz zugefügt wird. Doch dieses als «spontan» erlebte Mitgefühl wird in Wahrheit durch unsere Vorstellungskraft hervorgebracht: nämlich «wenn wir mit dem Leidenden in der Fantasie den Platz tauschen».

Fehlt uns diese Vorstellungskraft – zum Beispiel mangels Erfahrung –, so können wir die Gefühle des anderen nicht nachvollziehen und werden sie möglicherweise sogar als unangemessen verurteilen. Es ist deshalb wichtig, so Smith, dass wir nicht nur mit einem Gefühl konfrontiert werden, sondern auch die Geschichte dazu erfahren. Denn «Sympathie entspringt nicht so sehr aus dem Anblick des Affektes, als vielmehr aus dem Anblick der Situation, die den Affekt auslöst». Literatur, das zeigt sich an Erpenbecks Roman, ist perfekt geeignet, Sympathie über die Grenzen des Bekannten hinaus möglich zu machen, denn sie kann sich jener Frage annehmen, die laut Smith die wichtigste ist, die wir dem Gegenüber stellen müssen, bevor wir uns ein Urteil bilden: «Was ist dir widerfahren?»
 

Der Krieg vor der Haustür

Sympathie ist also bei Smith emotional und rational bedingt. Darauf baut auch Erpenbeck. Meisterhaft setzt sie erzählerische Mittel ein, um genau jene Mischung aus Betroffenheit und Einsicht herzustellen, die den Erfahrungshorizont der LeserInnen erweitert. Eines dieser Mittel ist Richard, emeritierter Professor für Klassische Philologie, der als Protagonist fungiert und eine behutsame Annäherung an die Fremden ermöglicht. Der freundliche, gebildete und doch ahnungslose Herr repräsentiert jene «hegemoniale» Stimme, die unsere literarische Tradition bestimmt. Er ist uns vertraut – auch wenn er seine eigene Geschichte hat, die im Zweiten Weltkrieg beginnt, sich in der DDR fortsetzt und am selben Ort in einem anderen Land dem Ende zugeht.

Diese deutsche Biografie bildet einen Kontrast, der einerseits beruhigend wirkt, da wir uns von den erschütternden Erzählungen der jungen Männer erholen können. Andererseits behalten die Berichte von Zerstörung, Armut und Verlust gerade durch die Gegenüberstellung mit Richards «normalem» Leben ihren Schrecken. Gekonnt werden die Erinnerungen und Erlebnisse miteinander verwoben, werden Erzählperspektive und Sprachstil gewechselt, um jene Effekte zu erzielen, auf die es der scheinbar naive Roman abgesehen hat: Empörung, Wut und Erschütterung. Und gleichzeitig: Erkenntnis und Mut zum eigenen Engagement.

Es ist eine gute Entscheidung der Autorin, den Roman nicht mit Hintergrundinformation über die Kriegsursachen in den verschiedenen Herkunftsländern zu überfrachten, sondern sich auf den «Krieg» vor der eigenen Haustür zu konzentrieren. Die verwaltungstechnischen Hürden, das Arbeitsverbot, die faschistoiden Anfeindungen und die absurden Konsequenzen des Dublin-II-Abkommens halten die Flüchtlinge auch in Europa in einer kriegsähnlichen Situation gefangen: «Der Fremdling nun, der in keinem von diesen Ländern zu Haus ist, gerät zwischen die unsichtbar gewordenen Fronten, in eine innereuropäische Diskussion, die mit ihm und dem wirklichen Krieg, den er hinter sich lassen will, nicht das geringste zu tun hat.»

Hier nimmt uns der Roman in die Verantwortung, erlöst uns aber auch aus der Ohnmacht. Wir können nicht sämtliche Konfliktherde auf der Welt befrieden, aber wir können uns dafür einsetzen, dass den Fremden bei uns nicht noch mehr Leid widerfährt. Denn Flucht, Migration, Exil, das macht der Roman deutlich, sind keine Zeiterscheinung, keine Probleme, die gelöst werden können, sondern etwas, das so alt ist wie die Menschheit selbst und mit dem wir – wie alle vor uns – umgehen müssen.
 

Der Mensch ist ein Migrant

Das eigentlich Grossartige an diesem Roman ist, dass er nicht nur beiläufig eine Kulturgeschichte der Migration skizziert, sondern dass er die Geschichte der Menschheit als Geschichte der Migration sichtbar macht: «Tausende von Jahren dauert die Bewegung der Menschen über die Kontinente schon an, und niemals hat es Stillstand gegeben. Es gab Handel, Kriege, Vertreibungen, auf der Suche nach Wasser und Nahrung sind die Menschen oft dem Vieh, das sie besassen, gefolgt, es gab Flucht vor Dürre und Plagen, Suche nach Gold, Salz oder Eisen, oder es konnte dem Glauben an den eignen Gott nur in der Diaspora die Treue gehalten werden, es gab Verfall, Verwandlung, Wiederaufbau und Siedler, es gab bessere oder schlechtere Wege, niemals aber Stillstand.»

Auch dafür erweist sich der Altphilologe Richard als gutes Mittel. Denn überliefert ist diese Geschichte gerade auch in jenen Texten, auf die sich europäische PolitikerInnen gerne berufen, um eine «europäisch-abendländische Identität» zu begründen und gegen unerwünschte Einflüsse abzugrenzen. Durch die Begegnung mit den afrikanischen Männern erkennt Richard, dass die literarische Tradition, die er seit Jahrzehnten kennt und deutet – Seneca und Hesiod, die Bibel und die griechischen Mythen, Homers «Odyssee» und Goethes «Iphigenie» –, von der Erfahrung des Fremdseins, von Flucht und Verirrung erzählt. Mehr noch: dass sie aus dieser Erfahrung überhaupt erst hervorgegangen ist.

Was der Roman also sichtbar macht, sind nicht nur die Flüchtlinge vom Oranienplatz, sondern dass der Mensch im Grunde ein Migrant ist: ein kurzfristiger Gast auf dieser Welt. Auch wenn er das in guten Zeiten erfolgreich verdrängen kann. «Ist es nicht so, sagt Awad, dass jeder erwachsene Mensch – ob Mann, ob Frau, ob reich oder arm, ob er Arbeit hat oder nicht, ob er in einem Haus wohnt oder obdachlos ist, ganz egal –, dass jeder Mensch seine paar Jahre zum Leben hat und dann stirbt?» Trotz aller Differenzen hält der Roman an der Idee einer menschlichen Universalie fest: In der Flüchtigkeit und Unbeständigkeit unserer Existenz sind wir alle gleich. Daran zu erinnern und dadurch Sympathie auch mit dem Fremdesten denkbar zu machen, ist möglicherweise eine der Aufgaben von Literatur.
 

Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen. Knaus Verlag. München 2015.