13. Januar 2022

WOZJournalismus

Wer war Patricia Highsmith? Eva Vitija entdeckt in ihrem Dokumentarfilm neue Facetten der weltberühmten Autorin.

WOZ: Frau Vitija, in Ihrem Film «Loving Highsmith» spielt das Liebesleben von Patricia Highsmith eine grosse Rolle. Sie liebte Frauen und lebte mit Frauen zusammen. Ist die Tatsache, dass Highsmith lesbisch war, so wichtig, um ihre Persönlichkeit und ihre Biografie zu verstehen?
 

Eva Vitija: Auf jeden Fall. Vor allem die Tatsache, dass jemand ein Doppelleben führt – was in jener Zeit ganz normal war, wenn man lesbisch war –, ist schon sehr entscheidend. Und es hat auch ihr Werk extrem geprägt.
 

In welcher Weise? Highsmith hat in ihren literarischen Texten ja nur selten über Homosexualität geschrieben, und ihre Hauptfiguren sind meistens Männer.


Das geschah eher indirekt. Zum Beispiel beschäftigte sie sich häufig mit Fragen der Identität. Was hat man überhaupt für eine Identität? Und steckt da nicht immer noch eine andere Identität dahinter? Highsmith ist 1921 in Texas geboren und in einem konservativen Milieu aufgewachsen. Man kann sich vorstellen, was das in Bezug auf die Haltung gegenüber Homosexualität bedeutete. Da war nichts möglich. Beziehungsweise es war alles möglich, aber nur versteckt. Es gab ja auch in den USA damals eine unglaublich schillernde Welt der Homosexualität, viele Bars, Clubs und so weiter, wo man seine Sexualität und seine Liebe ausleben konnte. Aber offiziell war man natürlich nicht lesbisch.
 

In Ihrem Film kommen vor allem drei ehemalige Partnerinnen von Patricia Highsmith zu Wort: die US-Schriftstellerin Marijane Meaker, die deutsche Künstlerin und Schauspielerin Tabea Blumenschein und die Pariserin Monique Buffet. Welches dieser Gespräche war für Sie am aufschlussreichsten?


Besonders spannend war das Gespräch mit Marijane Meaker, weil sie älter ist als die anderen Protagonistinnen. Sie konnte uns erzählen, wie das damals konkret war, wenn zwei Frauen zusammenlebten. Sie hat in den späten fünfziger und den frühen sechziger Jahren mit Highsmith zusammengewohnt, in einem Haus in Pennsylvania. Ich bin nicht naiv an das Thema herangegangen, aber das Ausmass der Diskriminierung – oder besser: des Nichtbeachtetwerdens – war schon gigantisch. Und welche Auswirkungen das auf das private Leben vieler dieser Frauen hatte, das war mir vorher nicht klar. Was sicher auch damit zu tun hat, dass ich selber heterosexuell bin und diesen Radar nicht schon ein Leben lang mit mir herumtrage.
 

Hat das Ihren Blick auf Patricia Highsmith verändert?


Auf jeden Fall, das war ein Aha-Erlebnis. Nicht nur wegen Highsmith, sondern in Bezug auf eine ganze Generation. Monique Buffet, die jünger als Highsmith ist, erzählte uns, dass sie seit mittlerweile dreissig Jahren mit ihrer Freundin zusammenlebt. Doch die Leute in der Nachbarschaft denken immer noch, das sei ihre Cousine. In den fünfziger Jahren war das natürlich noch viel ausgeprägter. Das finde ich auch spannend im Vergleich mit den schwulen Männern, die ja ebenfalls Diskriminierung erlebten. Aber die lesbischen Frauen wurden nicht einmal wahrgenommen, was für viele Frauen auch die Rettung war, weil sie ihre Beziehungen ungestört leben konnten.
 

Aber immer um den Preis dieser gespaltenen Identität …


Immer unter der Bedingung, dass man offiziell nicht darüber spricht. Und dass es auch nur verklausuliert ins Werk eingehen kann. Highsmith schreibt ja nicht explizit darüber, mit einer Ausnahme: ihr zweites Buch, «Carol», das ursprünglich unter dem Titel «The Price of Salt» erschien. Highsmith hat diese lesbische Liebesgeschichte in kürzester Zeit geschrieben. Doch als der Roman fertig war, hatte sie Zweifel, weil es so persönlich war. Ihre Agentin sagte: «Wenn du das veröffentlichst, unter deinem Namen, dann ist deine gerade mal gestartete Karriere sofort zu Ende.» Deshalb war klar, dass sie es unter einem Pseudonym herausgeben musste. Es wurde ein sehr erfolgreiches Buch und hat einen Nerv getroffen. Wahrscheinlich weil es die erste lesbische Liebesgeschichte der modernen US-Literatur war, die nicht in der Katastrophe endet. Es ist auch kein richtiges Happy End bei Highsmith, einfach ein offenes Ende. Viele haben das als Lichtblick verstanden.
 

In Ihrem Film verweben Sie Szenen aus Romanverfilmungen mit dokumentarischem Material und erwecken so den Eindruck, dass sich Leben und Werk von Highsmith stark durchdringen. Wie viel Privates steckt in ihrer Literatur?


Patricia Highsmith hat immer gesagt, ihr Schaffen komme aus ihrem Unbewussten. Ich glaube, das stimmt. Sie hat zwar viel gelesen, hat sich aber kaum an anderen Schulen oder Schriftsteller:innen orientiert, war nie Teil einer literarischen Bewegung. Gerade weil sie vor allem aus ihrem Inneren geschöpft hat, ist ein sehr eigenwilliges Werk mit sehr speziellen Themen entstanden. Es geht bei ihr ja immer um diese Abgründe in der Gesellschaft. Um das, was hinter dieser normalen, gutbürgerlichen Mittelschichtswelt steckt. Und um die Unsicherheit ihrer Protagonisten in Bezug auf die eigene Identität, eine Unsicherheit, die sie selbst sehr gut kannte.
 

Highsmith scheint die Abgründe, die sie in ihrem Werk erkundet, selbst zu verkörpern: Sie ist bekannt als Rassistin, Egomanin, Alkoholikerin, Antisemitin, Misanthropin … «Loving Highsmith» ist eine persönliche Liebeserklärung an Highsmith. Wie kann man so jemanden lieben?
 

Ich bin auch von diesem bekannten, sehr negativen Bild ausgegangen. Aber bei der Recherche kam mir eine ganz andere Person entgegen. Highsmith hat sehr jung, ich glaube mit fünfzehn, angefangen, Notizbücher zu führen. Und die Frau, die mir in diesen privaten Aufzeichnungen begegnete, diese junge, schwärmerische, romantische Frau, die sich ständig verliebt und begeistert ist von anderen Schriftstellern und ihren Werken, hatte überhaupt nichts mit dem zu tun, was ich von Highsmith wusste. Es war ein komplettes Gegenprogramm! Das hat mich fasziniert: Wie kann das so auseinanderklaffen?


Aber gerade die Tagebücher enthalten auch rassistische und antisemitische Äusserungen. Hat Sie das nicht abgestossen?
 

Doch, natürlich. Das hat mich beschäftigt. Wo kommt das her? Der Rassismus war für sie sicher prägend. Ihre Grosseltern kamen aus Alabama, der Grossvater aus einer Familie von Sklavenhaltern mit einer Baumwollplantage. Dieses Herrenhaus gibt es immer noch, wir sind dort auch hingefahren, um zu filmen, und haben gespürt, wie stark die Zeit der Sklaverei in die Gegenwart hineinreicht. Ich glaube, das Wissen um diese Vergangenheit spielt in Highsmiths Werk hinein. Dass unter dem wirtschaftlichen Erfolg, unter jedem Aufstieg eine Schuld liegt.


Sie hat das aber offenbar nicht reflektiert, sondern – zumindest in ihren Tagebüchern – unhinterfragt reproduziert.
 

Die Tagebücher sind sehr widersprüchlich, man kann sie benutzen, um alles Mögliche über Highsmith zu erzählen. Das waren unkontrollierte Aufzeichnungen, die auch von Tageslaunen ausgingen. Highsmith beschreibt darin einerseits, wie jüdische Freundinnen darunter leiden, dass sie bei der Jobsuche diskriminiert werden. Oder sie empört sich darüber, wie schlecht Afroamerikanerinnen in Texas behandelt werden. Andererseits gibt es auch antisemitische Ressentiments. Sie ist ja eine Spezialistin für Abgründe. Sie erforscht die Abgründe, die negativen Gefühle. Und sie tut das vor allem bei sich selber, in den Tagebüchern wird sie zur Chronistin ihrer eigenen Ressentiments. In jungen Jahren reflektiert sie diese aber auch und lehnt sie zum Teil ab. Irgendwann bleibt sie wohl darin hängen.
 

Mit wem identifiziert sie sich?


Um ihr Leben zu verstehen, muss man wissen: Sie identifiziert sich mit dem weissen, erfolgreichen Mann der fünfziger Jahre. Erfolg ist ihr wahnsinnig wichtig. In Interviews wurde sie gefragt: «Mit welchen deiner Romanfiguren identifizierst du dich, mit den Stärkeren oder mit den Schwächeren? Mit dem Opfer oder mit dem Täter?» Die meisten von uns würden antworten: «Mit dem Schwächeren natürlich.» Patricia Highsmith hat immer gesagt: «Mit dem Stärkeren natürlich!»
 

Was war denn ihre politische Haltung?


Ich sehe Highsmith als apolitischen Menschen. Ihr Antisemitismus war nicht Teil einer politischen Agenda, sondern ein ganz persönlicher Reflex. Es ist deshalb erstaunlich, dass sie sich im Alter plötzlich zu politischen Themen äussert, zum Beispiel zur US-amerikanischen Israelpolitik. Das Ganze hatte wohl mehr mit ihrer Lust an der Provokation zu tun als mit einem politischen Bewusstsein. Als junge Frau ist sie auch einmal in die Kommunistische Partei eingetreten. Sie schockierte sehr gern. Wenn sie zum Beispiel bei einem Abendessen mit einer Gruppe von Bekannten, die alle antirassistisch eingestellt waren, plötzlich rassistische Bemerkungen machte, war das reine Provokation.
 

Was steckt dahinter? Geltungsdrang? Eitelkeit?


Ich glaube, es steckt eine Unlust am braven, korrekten Mainstream dahinter. Und die Freude daran, aus dem Rahmen zu fallen. Sie fällt ja immer aus dem Rahmen. Das macht es so schwierig, ihre Geschichte zu erzählen.
 

In Ihrem Film konzentrieren Sie sich vor allem auf die Geschichte der lesbischen Künstlerin. Rassismus und Antisemitismus werden nur am Rand erwähnt. Warum?


Wir wollten dem Thema zwar mehr Raum geben. Aber die Frage war: Wie bringen wir es dramaturgisch in den Film rein? Wenn man einen Film über eine verstorbene Hauptfigur macht, kann man fast nur mit Archivmaterial, mit Fotos und Texten aus dem Off arbeiten, was filmisch schwierig ist. Deshalb sind die Interviews mit lebenden Zeitzeuginnen so wichtig. Aber von all den Leuten, mit denen ich gesprochen habe, hatte niemand etwas zu diesem Thema zu sagen.
 

Wollten sie nicht darüber sprechen?


Nein, sie haben das einfach nicht erlebt. Monique Buffet, die Patricia Highsmith sehr gut kannte, hat immer wieder gesagt: «Ich würde dir gern Auskunft geben, aufgrund der Biografien muss ich davon ausgehen, dass es das gab, aber ich habe es selber nie erlebt.» Die Einzige, die Highsmith so erlebt hat, war Marijane Meaker. Als die beiden ein Paar waren, in den fünfziger Jahren, war das kein Thema. Als sie sich aber Jahrzehnte später wieder trafen, war Meaker bestürzt, dass sich Highsmith zu einem Giftzwerg entwickelt hatte. Sie hat darüber auch geschrieben. Leider war Meaker schon etwas dement, als wir sie filmten, und hatte die jüngere Vergangenheit nicht mehr präsent, sie konnte sich nur noch an die frühe gemeinsame Zeit erinnern. Wenn sie davon erzählt hätte, dann hätten wir das Thema sicher stärker in den Film integrieren können.
 

Bedauern Sie, dass dieser Aspekt im Film zu kurz kommt?
 

Einerseits ja, denn ich glaube, dass es einen Zusammenhang gibt: Das Thema der Schuld, die Homosexualität und die rassistischen und antisemitischen Ressentiments, das hängt bei Highsmith zusammen. Andererseits finde ich es gut, dass wir uns auf Highsmiths Lesbischsein fokussiert haben. Denn das Thema Antisemitismus ist so gross, dass es leicht alles andere überschattet. Und das war bei Highsmith ja lange der Fall: Das düstere Image wurde ständig zementiert. Ich finde es aber wichtig, dass man jetzt endlich auch erzählen kann, welche Rolle ihr Lesbischsein spielte. Natürlich ist das nur eine Sicht auf Highsmith. Aber jetzt ist der Moment, wo man dieser Geschichte endlich auch einmal Raum und Sichtbarkeit geben kann.